Climate Witness: Johann Schnell, Germany | WWF

Climate Witness: Johann Schnell, Germany



Posted on 09 mayo 2007
Johann Schnell, WWF Climate Witness from Germany
© WWF / Bernward Bertram
Als Winzer ist Johann Schnell täglich draußen unterwegs und beobachtet die klimatischen Veränderungen. Seine Aufzeichnungen der Lesezeitpunkte und Alkoholgehalte sprechen eine eindeutige Sprache: Es wird wärmer in Rheinhessen.

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WWF: Herr Schnell, vor acht Jahren übernahmen Sie den ökologischen geführten Familienbetrieb von Ihrem Vater. Der hatte das Weingut bereits vor 30 Jahren auf eine ökologische Bewirtschaftung umgestellt. Weshalb?

Schnell: Mein Vater sammelte früher Schmetterlinge. Als 1970 die ersten starken Insektizide auf den Markt kamen, beobachtete er innerhalb kürzester Zeit eine enorme Reduzierung der Artenvielfalt im Weinberg. Da war ihm klar, dass der damalige Weg vieler Winzer und Landwirte – weg von der Natur, hin zu mehr Pestiziden und Düngemitteln – nicht sein Weg sein konnte. Wir betrachten den Weinberg eben als Teil des Ökosystems. Und ökologischer produzierter Wein ist heute auch ein Qualitätsmerkmal. Das gibt dem Wein noch mal den letzten Schliff, die letzte Dichte. Das kriegt man meines Erachtens mit konventionellem Anbau nicht hin.

WWF: Seit Anfang 2005 sind Sie für den WWF als Klimazeuge auf politischen Veranstaltungen aufgetreten. Wie kamen Sie dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen?

Schnell: Seit es den Weinbau gibt, hat er mit Klimawandel zu tun gehabt. Es gab Jahre mit starken Frösten – manchmal noch im Mai. Daher war das schon immer ein Thema für uns. Doch die jetzigen Veränderungen sind von einer ganz anderen Natur. Es ist deutlich wärmer geworden.

WWF: Seit wann machen Sie diese Beobachtung?

Schnell: Als Weinbauer ist man verpflichtet, exakte Aufzeichnungen über die Erntezeitpunkte, den Oechslegrad – das heißt den Zuckergehalt des Mostes – und den daraus folgenden Alkoholgehalt des Weins zu machen. Daran kann man sehr gut die Klimaänderung  in unseren Breiten ablesen. Durch die Ausdehnung der Wärmeperiode, vor allem durch die höheren Nachttemperaturen im Herbst, verlängert sich der Zeitraum, in dem Zucker in der Traube eingelagert werden kann. So steigt der Alkoholgehalt.

Unsere Aufzeichnungen beginnen 1974. Deutlich höhere Werte messen wir seit 1998/99 – als ich das Gut übernahm. Anfangs dachten wir noch, es wären Ausnahmejahre. Aber seit 2003 gehen die Werte überhaupt nicht mehr zurück. Heute haben wir Alkoholgehalte von 13 bis 14 Prozent. Als mein Vater anfing, waren solche Werte utopisch und höchstens in Ausnahmesommern wie 1976 zu erreichen. Aus der Ausnahme ist jetzt die Regel geworden.

WWF: Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Schnell: Zum einen hat sich der Lesezeitpunkt um zwei Wochen nach vorne verschoben. Früher ging es darum, möglichst viel Zucker in die Traube rein zu bekommen und daher spät zu lesen. Heute stellt sich die Frage ganz anders: Wann ist die Traube so physiologisch reif, hat aber dabei noch nicht zuviel Zucker eingelagert, so dass wir am Ende nicht zuviel Alkohol im Wein haben?

Wir haben heute also eine verkehrte Situation: Wir müssen nun so lesen, dass die Oechslegrade nicht zu hoch sind.  Denn das tut einem Weißwein, wie wir ihn kennen und schätzen, nicht gut. Deswegen gibt es in mediterranen Ländern seit jeher fast nur Rotwein.

Darüber hinaus kämpfen wir mit mehr Pilzen und Viruserkrankungen. Wir haben inzwischen Zikadenarten in unserem Weinberg, die es früher nur in mediterranen Gebieten gab. Die schleppen Viren ein, gegenüber denen manche unserer Rebsorten – wie der Riesling und der Silvaner – besonders anfällig sind. Das Virus bewirkt, dass Rebstöcke, die eben noch austrieben, plötzlich innerhalb einer Woche absterben. Pro Weinberg sterben jedes Jahr ein bis zwei Prozent der Stöcke ab – Tendenz steigend.

Genauso gibt es Pilzerkrankungen, die schlagartig auftreten und gesunde Stöcke absterben lassen. Andere, wie die Schwarzfleckenkrankheit, lassen nur die Trauben faulen. Die Zunahme solcher  Pilze in den vergangenen Jahren ist vor allem durch die wärmeren Nächte im Spätsommer und im Herbst bedingt. Je wärmer, desto kürzerer Blattnässeperioden bedarf es für eine Pilzinfektion.

WWF: Was tun Sie dagegen und wie passen Sie sich an?

Schnell: Das einzige, was sie gegen das Virus tun können, ist Nachpflanzen. Aber auf lange Sicht wird das nicht gehen. Irgendwann wird es sich nicht mehr lohnen, bestimmte Sorten anzubauen. Den Pilzbefall versucht man im Ökoweinbau durch einen lockeren Bestand, dass heißt eine möglichst lichte Laubwand zu bekämpfen, um eine gute Durchlüftung zu erzielen. Das bedeutet viel Handarbeit beim Entblättern der Traubenzone und Herausschneiden der Trauben, die zu dicht hängen. Und natürlich müssen wir auch vermehrt spritzen. Wir nutzen dafür ökologische Mittel. In Zukunft werde ich zwangsläufig verstärkt auf pilzwiderstandsfähige Sorten setzen, die man nicht mehr spritzen muss. Beim Weißwein ist das der Johanniter, beim Rotwein der Regent.

Eine Anpassungsstrategie an die hohen Alkoholgehalte wäre theoretisch die technische Entalkoholisierung. Das ist in südlichen außereuropäischen Ländern ein Standardverfahren. In Deutschland ist es bisher zwar glücklicherweise nicht zulässig, wird aber diskutiert. Für einen Ökobauern wie mich kommt das aber keinesfalls in Frage. Schon aus prinzipiellen Gründen nicht. Es macht doch keinen Sinn, angesichts des Klimawandels immer neue technische Verfahren zu erfinden, damit wir so weitermachen können wie bisher.  

WWF: Inwiefern spielen die geringeren Niederschläge im Frühjahr für Sie eine Rolle?

Schnell: Der Wassermangel im Frühjahr macht für uns als Ökowinzer vor allem die wichtige Einsaat von Begrünung im Weinberg immer schwieriger. Früher ließ man Begrünung und Wein einfach gleichzeitig im Frühjahr wachsen. Heute konkurrieren Begrünung und Wein um das wenige Wasser, daher säen wir nun schon im Winter Rübsamen ein, die später zu organischem Dünger für die Rebstöcke werden. Aber noch ist das Problem zu bewältigen. Für viele konventionelle Winzer aber bedeutet der Wassermangel einen geringeren Ertrag. Das ist für diejenigen ein Problem, die immer einen maximalen Ertrag erzielen wollen. Deutschland hat in Europa pro Hektar die höchsten Erträge. Das geht aber nur mit intensiver Bearbeitung und hohen Niederschlägen oder Bewässerung.

WWF: Was bedeuten all diese Veränderungen für Ihr Gewerbe und Ihr Weingut?

Schnell: Der Weinbau wird nicht verschwinden – man kann ja auch in Australien Wein anbauen. Aber wir werden andere Sorten anpflanzen und unsere Weine werden sich verändern. Es gibt bestimmt Rebsorten, von denen wir eine klare Vorstellung haben. Das ist zum Beispiel der Riesling, der typischste Wein für unsere Region, aber auch ganz Deutschland. Dessen Geschmack verändert sich markant. Er wird immer weniger Säure haben und dafür mehr Alkohol und fruchtige, kräftige Aromen entwickeln. Da stellt sich die Frage, ob er den Kunden weiterhin schmecken wird. Gleichzeitig ist es zweifelhaft, dass man ihn aufgrund der zunehmenden Viruserkrankungen langfristig überhaupt noch anbauen kann.

WWF: Herr Schnell, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Timm Christmann

Johann Schnell, WWF Climate Witness from Germany
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