Climate Witness: Vladilen Ivanovich Kavry, Russian Federation | WWF

Climate Witness: Vladilen Ivanovich Kavry, Russian Federation



Posted on 23 marzo 2007
Vladilen Ivanovich Kavry, Climate Witness, Russian Federation
Vladilen Ivanovich Kavry, Climate Witness, Russian Federation
© WWF-Russia
Mein Name ist Vladilen Ivanovich Kavry. Ich lebe in einem Dorf namens Wankarem in der Region Tschukotka, die im äußersten Nordosten von Russland, entlang der tschuktschischen Küste, gelegen ist. Tschukotka ist ein autonomer Verwaltungsbezirk, ein sogenannter Okrug. Wir gehören zur Volksgruppe der Tschuktschen und wir sprechen sowohl unsere volkseigene Sprache Tschuktschisch als auch Russisch.
 
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Ich wurde im Jahr 1966 geboren und habe mein gesamtes Leben in dieser Region verbracht. Seit Generationen lebt mein Volk von der Rentierzucht, der Jagd auf Meerestiere und dem Fischfang. Mein Dorf zählt in etwa 200 Einwohner. Insgesamt besiedeln einige Tausend Menschen die Gebiete entlang der Küste. Wir leben in unmittelbarer Nähe zu arktischen Wildtieren und sind an die eisigen Temperaturen, die extremen Witterungsbedingungen und die grimmigen Schneestürme gewöhnt.

In den Wintermonaten gefrieren das Meer und die Flüsse. Seit Generationen benutzen wir die mit Eis bedeckten Wasserflächen zu Transportzwecken. Unser Dorf liegt am Kap Wankarem, einem einzigartigen, naturbelassenen Gebiet,  in dem eine der größten Walross-Kolonien im Nordosten von Russland beheimatet ist.

Walrosse „hieven“ sich aus dem Wasser, um zu ruhen und um während der Sommermonate ihre Jungen zu gebären. Diese Tiere sind optimal an ein Leben angepasst, das sie den größten Teil des Jahres auf dem zugefrorenen Meer verbringen. Wenn das Eis geschmolzen ist, halten sich die Tiere auf dem Festland entlang der Küsten auf. Die Rastplätze der Walrosse liegen sehr nahe bei unserem Dorf, aber wir haben trotzdem immer in Eintracht nebeneinander gelebt.

Kürzere Perioden der Eisbedeckung

Im Verlauf meines Lebens habe ich deutliche Veränderungen im Zyklus von Gefrieren und Schmelzen des Meerwassers beobachtet.
 Im Gegensatz zu frühen Zeiten dauert es nun viel länger (etwa ein Monat), bis das Meer zugefroren ist, und auch das Aufbrechen der Eisdecke geschieht etwa einem Monat früher als bisher.

Viele Menschen in meinem Dorf haben erlebt, dass plötzlich Eisdecken schmelzen, die in früheren Zeiten den ganzen Sommer über vorhanden waren und dass aufgrund dieser Abschmelzungen kein altes Eis mehr übrig geblieben ist.

Diese Veränderungen in den Jahreszeiten haben zur Folge, dass die Walrosse jetzt länger an ihren Rastplätzen verbleiben. Mein 82-jähriger Freund Tilmyet meint, dass die Walrosse müde sind und keinen Platz finden, um sich auszuruhen, weil es in den Sommermonaten kein Eis mehr gibt.

Wir haben auch beobachtet, dass sich das Verhalten der Seevögel wie z.B. Enten, Möwen und Schneeammern aufgrund des Wandels in den Jahreszeiten verändert hat und sie unsere Gebiete nun erst später verlassen.

Eisbären, Walrosse und Menschen


Wir haben ebenfalls gesehen, dass die Rastplätze der Walrosse während der letzten Winter stärker besiedelt waren.

Die Eisbären nähern sich den Walross-Kolonien und auch unserem Dorf. Wir sind davon überzeugt, dass das Auftauchen der Bären auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Die Eisbären benötigen das Eis auf dem Meer, um zu ihren Beutetieren, vor allem den Robben, zu gelangen. Verschwinden diese Eisflächen, verkleinern sich ihre gewohnten Jagdreviere.

Diese Situation verursacht Probleme, da die Eisbären auf der Suche nach Futter in unsere Dörfer kommen und häufig die Schlittenhunde angreifen. Es ist nun nicht mehr ungewöhnlich, wenn zehn Bären an einem Tag auf ihren Streifzügen nach Nahrung unser Dorf besuchen. Wir müssen sie verscheuchen.

Eisbären stehen in Russland unter Schutz und die Jagd ist seit dem Jahre 1956 verboten. Wir suchen nun nach Möglichkeiten, die Bären von den Menschen fernzuhalten, ohne sie dabei zu verletzten.


Unterwegs auf Bärenwache

Im Jahr 2006 haben wir in Zusammenarbeit mit dem WWF eine „Bärenwache“ ins Leben gerufen.

Diese Wachmannschaft beobachtet das Gebiet um das Dorf und schlägt Alarm, wenn ein Bär zu nahe kommt. Auf diese Weise können die Leben von sowohl Bären als auch von Menschen gerettet werden. Der berühmte WWF-Pandabär hilft somit, den arktischen Eisbären zu schützen.

Ein weiteres Ziel unserer Bemühungen ist es, Menschen von den Rastplätzen der Walrosse fernzuhalten. Walrosse verfallen leicht in Panik, wenn man sich ihnen nähert, und viele Tiere können  in solchen Chaossituationen zerdrückt werden und folglich sterben. Der Geruch von toten Walrossen lockt die Eisbären zu diesen Gebieten, die nahe bei unserem Dorf liegen, was wiederum Gefahr für die Menschen bedeutet. Ende letzen Jahres lud die Bärenwache einige tote Walrosse auf einen Traktor und brachte sie zu einem Futterplatz, der 10 km von Wankarem entfernt liegt. Das hat allem Anschein nach auch den Bären zugesagt.

Die Bärenwache sammelt ebenfalls Informationen über Vorgänge in den einzelnen Populationen, um den WWF bei der Beobachtung von Veränderungen zu unterstützen, die durch den Klimawandel verursacht werden. Wir sind geschult in der Überwachung und verwenden auf unseren Streifzügen Hilfsmittel wie Funkgeräte und andere Ausrüstungsgegenstände. Der zuvor erwähnte Futterplatz ist einer unserer Beobachtungsposten.

Einsatz für die Zukunft

Im Jahr 2006 haben wir bei der Regierung eine Petition eingereicht, um das Kap Wankarem aufgrund seiner einzigartigen Tierwelt und Lage zum Naturschutzgebiet zu erklären.

Ich bin sehr stolz auf meine Landsleute. Seit Jahrhunderten leben Menschen hier in diesen Gebieten, doch unter den derzeitigen Umständen müssen wir uns dafür einsetzen, damit unsere Kinder auch noch in Zukunft die Schönheit dieses Landes bewundern können.



 

Wissenschaftliche Begutachtung

Begutachtet von: Dr. Oleg Anisimov, Staatliches Hydrologisches Institut, St. Petersburg, Russland

Vladilens Erzählungen stimmen mit den Aussagen vieler Wissenschaftler überein, die mögliche Folgen der Klimaerwärmung vorhergesagt haben.Es ist interessant zu sehen, dass einige dieser Prognosen, die bereits Ende der 90er Jahre in Bezug auf umweltbezogenen Veränderungen in der Arktis gemacht wurden, bereits eingetreten sind. Diese Tatsache wird auch durch Vladilens Beobachtungen bestätigt.

In der modernen geografischen Wissenschaft arbeiten wir heute mit komplexen mathematischen Gleichungen und Modellen, um Veränderungen im Meereseis, den Lebensräumen und Verhaltensmustern von Tieren vorherzusagen. In der Praxis sind aber die Beobachtungen von Einheimischen der nördlichen Gebiete sowie deren von Generation zu Generation weitergegebenen traditionellen Kenntnisse der lokalen Umweltbedingungen und Wettergeschehnisse die einzigen Informationsquellen, die uns ein Bild von den tatsächlich auftretenden Geschehnissen vermitteln können. Nun sind wir mit der Situation konfrontiert, dass die theoretischen Vorhersagen durch die Beobachtungen des Wandels vor Ort bestätigt werden.

Eine der in der wissenschaftlichen Literatur formulierten Prognosen lautet, dass der klimatische und umweltbezogene Wandel des letzten Jahrzehnts über die im Rahmen von natürlichen Vorgängen entstehenden Veränderungen hinausgeht. Diese Aussage wird sehr eindrücklich durch die Erzählungen der Menschen in Vladilens Dorf untermauert.


Alle Artikel werden von einem Mitglied des Climate Witness Science Advisory Panel wissenschaftlich begutachtet. .
 
Vladilen Ivanovich Kavry, Climate Witness, Russian Federation
Vladilen Ivanovich Kavry, Climate Witness, Russian Federation
© WWF-Russia Enlarge
Vlad Kavry watching for seals.
Vlad Kavry watching for seals.
© WWF-Russia Enlarge
Vlad Kavry and his sled dog team.
Vlad Kavry and his sled dog team.
© WWF-Russia Enlarge
Walrus haulout.
Walrus haulout.
© WWF-Russia / Viktor Nikiforov Enlarge
Vladilen Kavry out on bear patrol.
Vladilen Kavry out on bear patrol.
© WWF-Russia / Viktor Nikiforov Enlarge